Neunte Unterkagerer sunnseitn

Neunte Unterkagerer sunnseitn

8. September 2005 10. — 11. September 2005

2005 findet die 9. Unterkagerer sunnseitn zur "Entschleunigung von Mensch und Landschaft" in Haslach und Umgebung statt (8., 10. + 11. 9. 2005).

Zentraler Teil der Unterkagerer sunnseitn ist das beliebte und bereits traditionelle "Wiesen sitzen, Wiesen tanzen und Wiesen liegen", das im Rahmen des Musikantentreffens am Unterkagererhof zum sechsten Mal stattfindet. Unter dem Motto "Natur Raum geben - Kultur Raum geben" werden die zweiten sunnseitn Gespräche, heuer zum Thema "Naturraum Wiese - Erholungsraum und Wasserspeicher" am Donnerstag, den 8.9.05 in Neudorf/Haslach durchgeführt. Heuer nimmt sunnseitn erstmals Bezug auf die Industriearbeit in der Region Haslach. Unter dem Titel "Musik in der Fabrik" bezieht sunnseitn die ehemalige Leinenweberei Von Willer in Haslach als kulturelles Pendant zum Unterkagererhof mit dessen Landarbeiterkultur ein. Wir begeben uns hier auf Spurensuche.

 


(a) sunnseitn- Gespräche am Donnerstag, den 8.9.05, 20:00, im Gasthof Diendorfer, Neudorf +43(0)7289 71 929


(b) Musik in der Fabrik (TuK ehemals VonWiller) am Samstag, den 10. 9. 2005 ab 19:30 bis ca. 23:30 im TuK und GH VonWiller, Haslach +43(0)7289 71 316


(c) Musikantentreffen am Sonntag, den 11.9.2005 ab 11:00 am Unterkagererhof Auberg bei Haslach.

 


ad a) 2. sunnseitn Gespräche "Natur Raum geben Naturraum Wiese"
Diese Gespräche finden als Reaktion auf die Ausdünnung und Reduktion der Artenvielfalt der Blumenwiesen statt. Die Verantwortung der Bauern als Landschaftspfleger darf nicht aufgrund von marktwirtschaftlichen Zwängen und Überlegungen vernachlässigt werden. Zudem funktionieren vitale Blumenwiesen als wesentlich besserer Wasserspeicher als verdichtete, überdüngte Fettwiesen. Den Blumenwiesen und deren vielfältigen Bewohnern Raum zurückzugeben und die Artenvielfalt von Flora und Fauna zu fördern, ist ein Ziel dieser Gespräche. Ein weiteres Ziel ist es, diese erbaulichen Beobachtungs-, Erlebnis- und Erholungsräume den Menschen wieder zu eröffnen. Um 20 Uhr werden die sunnseitn Gespräche mit dem Impulsreferat "Wertvolle Lebensräume -Blumenwiesen nicht nur auf Hochglanzprospekten" von Dr. Friedrich Schwarz, naturkundliche Station Linz, eröffnet. Anschließend wird zu diesem Thema mitFachleuten, Betroffenen und Interessierten diskutiert. Moderation: Dietmar Spöcker, Rohrbacher Rundschau.

 


ad b) "Musik in der Fabrik"
sunnseitn begibt sich hier auf Spurensuche: Ein ehemaliger Textilarbeiter erzählt aus dem Arbeitsalltag der Leinenweberei dieser Region. Es musizieren: Czindzi Renta (CZ), Fraunhofer Saitenmusik (D) und Aniada a Noar (AT).


ad c) Musikantentreffen am Unterkagererhof:
11:00 - 13:00 Frühschoppen mit Hansberggebläse und "wiadawö!" 13:00 - ca. 18:00 Uhr Musikantentreffen - es musizieren an mehreren Plätzen: Czindzi Renta (CZ), Fraunhofer Saitenmusik (D), Mori Guscheh (Iran/AT), Aniada a Noar, Kremsmünsterer Bock & Leiermusik, Aufstrich, Hansberggebläse, "wiadawö!" mit "Michln-Seppn-Franz" (alle AT) und musikalische Gäste.


6. Wiesen sitzen, tanzen und liegen
Die önj Kasten setzt sich seit mehreren Jahren für die Erhaltung der Streuobstwiesen ein. sunnseitn lädt Freunde und Besucher ein in dieser Wiese Platz zu nehmen.
Es geht um die Erde, es geht um Entspannung und helle Gemütlichkeit, wenn die globale Beschleunigung zupackt. Im Sinne von Entspannung und Entschleunigung laden wir zum Musizieren, Tanzen und Ruhen auf die Wiese ein. Wir freuen uns, wenn Gäste Instrumente mitnehmen und wir empfehlen Decken und Polster mitzubringen.


Inhaltliches Programm:


13:00 Uhr : Eröffnung der Wiesensitzerei und Wiesentanzerei mit Sensetion -Sensenmähen und Sensendengeln. Massagen in der Wiese (Masseure: Ingrid, Andreas, Gebhart und Yuki). Hamed Berhmani aus Casablanca serviert arabischen Kaffee und marokkanischen Tee zu orientalischem Backwerk.


14:30 Uhr : Auftakt des ökologisch/künstlerischen Langzeitprojekts "Natur Raum
geben.......... Naturraum Wiese" mit Statements und einem Resümee aus den "2. sunnseitn Gesprächen" vom 8.9.2005


Ab 15:00 Uhr : Kinderprogramm : Wiesen - Entdeckungen, Geschichten und Märchen in der Blumenwiese...
Standlmarkt mit Produkten der Streuobstwiese, Bioprodukten und Leinölerdäpfel, Verkostung von alten Obstsorten
Eintritte:


Kinder bis 16 J. und sunnseitn- Gespräche frei Vorverkauf: Kombi card € 15.- , Abend TuK: € 11.-(in allen Sparkassen)
Abendkasse: TuK: € 13.- / Förderer € 11.- Mittagskasse Unterkagererhof: € 6.- / Förderer € 5.-
Die Veranstaltung findet bei jeder Witterung statt - Zelt wird aufgebaut.
Info: +43 (0)7289 71966
© Gotthard Wagner, sunnseitn

 

Statements

* Eine Ziel ist, 10 % der landwirtschaftlichen Flächen so zu bewirtschaften,
dass seltene Arten (wie. z.B. Arnika, ...) eine Chance haben.


* Entlang von Grundstücksgrenzen, Waldrändern und Wegen lassen sich relativ
leicht magere Wiesenstreifen erhalten. Es reicht schon ein Streifen von 2 m
der nicht gedüngt und nur 2 mal im Jahr gemäht wird - schon entwickelt sich
eine wahre Blütenpracht. Nebenbei haben auch Schmetterlinge, Rebhuhn und
Hase ein wertvolles Rückzugsgebiet.


* Eine Magerwiese beheimatet 50 bis 70 verschiedene Pflanzenarten.
Dagegen hat eine Fettwiese nur 15 bis 20 Pflanzenarten. Die Magerwiese oder
der Roa beherbergt somit eine natürliche Apotheke an Heilpflanzen, die für
Mensch und Tier positiv eingesetzt werden können.


* Für die Tiergesundheit und die Fruchbarkeit von Rindern sind artenreiches
Heu mit viel Rauhfaser sowie bestäubte und verblühte Wildblumen im Futter
besonders wichtig.


* Die önj besitzt und bewirtschaft in Kooperation mit heimischen Bauern seit
vielen Jahren wertvolle Blumenwiesen in unserer Region. Wichtig ist, dass
über das gesamte Mühlviertel hinweg solche wertvollen Biotope erhalten
bleiben.


* Als Ersatzbiotope für Magerwiesen eignen sich Flachdächer, Gewerbeflächen,
Verkehrsinseln und Straßenböschungen. Wichtig ist, dass solche Flächen als
Blumenwiese mit heimischen Arten angelegt und gepflegt werden.

(von Thomas Engleder, önj Haslach)
Resümee der Sunnseitn 2005

2. sunnseitn-Gespräche: "natur raum geben......naturraum wiese" am 8.September 2005

 

 

Impulsreferat: Dr. Fritz Schwarz, Naturkundliche Station Linz,

 

 

Diskussionspartner:

    * LAbg.Georg Ecker, Bezirksbauernobmann,
    * DI Johann Mitterlehner( Bioschule Schlägl)
    * Biobauer Andreas Hager ( Bioreferent Landwirtschaftskammer und Bioberater)
    * Geschäftsführer Reinhold List ( Ferienregion Böhmerwald)

Moderation: Mag. Dietmar Spöcker, Rohrbacher Rundschau

 

Dr. Fritz Schwarz, Naturkundliche Station Linz:

Dr. Fritz Schwarz referierte ausführlich über die Wiese als Kulturlandschaft und über deren Entstehung sowie über die vielen Wiesenformen, er zeigte eindringlich deren Wichtigkeit für unser ökologisches Gleichgewicht und machte den gegenseitigen Einfluss von Landschaft und deren Bewohnern deutlich. Er warnte auch vor der Gefahr der Entstehung einer musealen Landschaft. Die Vegetationsdynamik durch Biber, z.B.: Entstehung von Landschaft durch die Verlandung von Biberseen = Biberwiese, aber auch der Einfluss von Weidetieren wie den Wiederkäuern (ursprünglich Wisents), in späterer Folge dann das Weidevieh unter den Bäumen= Waldweide, konnte er verständlich machen

 

Der Mensch hielt am Beginn der Weidewirtschaft seine Herden als Gemeindeherden (= Almendewirtschaft, hier leitet sich auch der Begriff der Almwirtschaft her), diese liefen frei, die Blumenwiesen hingegen waren, zum Schutz vor den Tieren, eingezäunt. Hier wurde das Heu für den Winter gemäht. Das Mähen kam aber erst mit der Erfindung der Sense auf, davor wurde im Winter Laubheu gefüttert. Wiese ist Lebensraum für Tiere( Wiesen-Fauna) und Wiese ist vor allem nicht gleich Wiese. Die Hochglanzprospektwiese ist ein Sinnbild, in Wirklichkeit gibt es viele verschiedene Wiesentypen mit den dazugehörigen Pflanzen- und Tierarten. Wiesen sind durch menschliche Bewirtschaftung entstanden, die gegenseitige Einflussnahme von Mensch und Landschaft zeigt sich in dem Doppel –Begriff Kultur – Landschaft. Wiesen brauchen die Einflussnahme von Menschen, nämlich durch die Mahd, daraus ergibt sich eine stabile Landschaft im Gegensatz zur Urlandschaft. Erstrebenswert ist die Erhaltung von Magerwiesen, da sie eine hohe Artenvielfalt beinhaltet. Am nachhaltigsten wird hier der negative Einfluss von Überdüngung sichtbar. Eine einmal überdüngte Wiese ist praktisch für immer ruiniert, da sämtliche Arten ihre Lebensgrundlage verloren haben und die Wiese unwiederbringlich in ihrer Beschaffenheit zerstört ist.

 

Eine weitere Ursache der Wiesengefährdung liegt in der Umwandlung von Kalkmagerwiesen in Maisäcker oder die Wiesennutzung zum Feldfutterbau, den Raygras-Silowiesen( = Silowirtschaft). Auch die  Aufforstung, hier darf man aber nicht von Wald sprechen, sondern hierbei handelt es sich um Holzproduktionsflächen, ist mit verantwortlich für den Artenrückgang. Die Blumenwiese ist ein Kulturgut und gehört daher zu unserem Kulturerbe, das zu erhalten wir verpflichtet sind.

 

 

LAbg. Georg Ecker (Bezirksbauernobmann): Die allgemeine Tendenz ist bei den Förderungen leider rückläufig. Zur Zeit muss gekämpft  werden, dass bestehende Förderungen eingefroren werden und nicht  gänzlich verschwinden. Positiv ist, dass es nicht mehr um Produktionsmengen alleine geht, sondern durch die Förder-Staffelung bis zu 6 ha, die Förderung auch für Kleinstbetriebe gerecht genutzt werden kann. Wiese ist Futtergrundlage und hier gibt es Probleme mit schlechten Standorten, dennoch werden im Bezirk Rohrbach in 90 % der Betriebe keine Handelsdünger verwendet, damit umweltfreundlich gewirtschaftet werden kann. Glücklicherweise sind bei 246 Betrieben noch hochwertige, artenreiche Wiesen vorhanden. Bei insgesamt 28000 ha Wiese sind leider nur 350 ha so genutzt, dass es nur eine einmalige Mahd gibt. Ziel soll sein, dass das Einkommen zum Leben mit einem landwirtschaftlichen Betrieb erwirtschaftet werden kann. Der Berufsstand des Landwirtes soll darüber hinaus die soziale Akzeptanz in unserer Gesellschaft erhalten, die ihm gebührt!

 

 

Direktor DI Johann Mitterlehner( Bioschule Schlägl): Nutzungsänderung bringt Veränderung. In seiner Bio-Schule hat ein über sechs Jahre dauernder Grünlandversuch einen markanten Umschwung in der Artenvielfalt gebracht. Als eine sehr brauchbare und sinnvolle Basis für die Blumenwiese hat sich die Imkerei herausgestellt. Ein Landwirt, der auch als Imker tätig ist, weiß um die Notwendigkeit einer gesunden Blumenwiese, damit das Bienenvolk überleben kann. Im Kleinen plädiert er für den  3 -Baum Obstgarten ohne Dauermahd für die Symbiose von Mensch und Tier. Sein Hauptanliegen ist es, der Jugend oder noch sinnvoller den Kindern, die Augen zu öffnen für die Schönheit einer intakten Wiese. Die Blumenwiese als ideeller Wert für die Genussfähigkeit mehrerer Sinne: zum Einen die Farben und Formen, der vielfältige Duft im Ganzen und der Geruch der einzelnen Pflanzen, das Summen und Brummen im Blumen- und Gräsermeer und nicht zuletzt das zarte Streicheln der Gräser, aber auch das Spüren der kratzigeren Gewächse.

 

 

Biobauer Andreas Hager ( Bioreferent Landwirtschaftskammer und Bioberater): Die Wiese als Wert. Einerseits persönlicher Wert, aber auch Wert von Grund und Boden - als Werteparameter der Heimat. Besorgnis erregend ist, dass teilweise Landschaftselemente, wie zum Beispiel der Niederwald verschwinden und dadurch auch die Artenvielfalt in der Landschaft verschwindet. Unglaubliche 75 % verschiedene Arten sind bereits verschwunden! Eine bewährte Empfehlung ist der abgestufte Wiesenbau, wo für den Landwirt sowohl extensive als auch reduzierte Wiesennutzung möglich ist. Diese Form wird in der Schweiz seit über 40 Jahren erfolgreich angewendet. Er empfiehlt auch gehaltärmeres Futter, wie z.B.: Laubheu zu verwenden -  trockenstehende Kühe sind für gehaltärmeres Futter ausgesprochen dankbar, weil es für sie bekömmlicher ist. Der Betrieb soll ökologisch angepasst genutzt werden, aber natürlich auch sinnvoll, in dem Sinn, dass es sich für den Landwirt rechnet. Idealerweise wird ein Betrieb von Generation zu Generation weitergeführt. Ein wichtiges Anliegen ist ihm auch die gesellschaftliche Wertschätzung für den Berufsstand des Landwirtes sowie dessen soziale Anerkennung.

 

 

Geschäftsführer Reinhold List ( Ferienregion Böhmerwald): Es muss ein neues Verhältnis zum Wachstum entwickelt werden. Landschaft als einziger vom Tourismus verwertbarer Rohstoff ( z.B.: Langlaufen im Winter, Wandern und Radfahren im Sommer) gehört geschützt und um den landschaftlichen Wert zu erhalten, muss auch der Landwirt mehr auf die Qualität, denn auf die Quantität setzen. Weniger, aber dafür Besser und „das Wenige“ mit Tourismus kompensieren, z.B.: „Urlaub am Bauernhof.“ Dazu ist es schon auch notwendig, auf Handelsdünger zu verzichten. Der Landwirt soll möglichst autonom bleiben, schauen wie weit er gehen muss um ertragreich zu wirtschaften und für die touristische Nutzung auch mit den Gastronomiebetrieben an einem Strang ziehen. Das Mühlviertel ist in dem Dreiländereck Deutschland, Tschechien und Österreich eindeutig als Sieger hervorgegangen. Das Ausland lobt die landschaftliche Schönheit des Mühlviertels und Das Große und Das Kleine Mühltal gelten bei den Gästen als am Schönsten.

 

 

Bei der anschließenden Diskussion wurde im wesentlichen das Gesagte bestätigt und zum Teil ergänzt.

 

Der Konsument soll österreichische Produkte kaufen, dann funktionieren auch die landwirtschaftlichen Betriebe. Hintergrund der Agrarreform ist, dass die Produktion gleich gehalten bleibt und nicht unbedingt gesteigert wird. Sensenmähen soll als Attraktion auch für den Tourismus genützt werden. Die Blumenwiese als Wert der Kindheitserinnerung und sie macht sensibel für das Schöne. Artenvielfalt der Wiesen wirkt einer musealen Landschaft entgegen. Die vielfältige Blumenwiese kann man auch schmecken – z.B.: in der Milch. Silage - Milch ist grauslich. Erkenntnis soll Raum greifen, dass hohe Qualität nicht zu Dumpingpreisen erzeugbar ist. Qualität hat ihren Preis und der Landwirt braucht endlich Anerkennung für seine Leistung und er muss vor allem von seiner Arbeit leben und seine Familie erhalten können.

Zusammenfassung: Friederike Plöchl